HomeZeitreise100 Jahre Bademode – von Tabus zu Modetrends

100 Jahre Bademode – von Tabus zu Modetrends

100 Jahre Bademode

Zwischen Tabu und Trends

Bademode bietet Stoff für Diskussionen. Ihre Geschichte ist bunt und aufregend – und immer auch ein wenig gesellschaftspolitisch. Zugleich ist sie ein Spiegel des rasanten Fortschritts in der Textiltechnologie. 

Die Frau, Seite. 9 / Thermalquelle VALS / Photo Beringer & Pampalucchi
Die Frau, Thermalquelle VALS /
Seite 187 / Bild 296. Als Badeanzüge waren in Wien um 1880 diese «Beinlinge» modern. Wunderbares Wasser, at Verlag 1980
Seite 187 / Bild 296. Als Badeanzüge waren in Wien um 1880 diese «Beinlinge» modern.
Das Bäderbuch der Schweiz, Seite 23, Bad Ragaz / Valens, VSB
Das Bäderbuch der Schweiz, VSB

Mit allen Wassern gewaschen

Badekleidung war schon immer und ist noch heute: sehr viel mehr als Kleidung. Sie ist ein Symbol der persönlichen Freiheit. Sie widerspiegelt den Zeitgeist und zeigt rückblickend auf, wie sich unsere Sicht auf den Körper gewandelt hat. 

In Sachen Modetrends ist Badekleidung mittlerweile mit allen Wassern gewaschen. Denn sie unterliegt den Gesetzen fortlaufender gesellschaftlicher Veränderungen. Jedes Jahrzehnt erschafft neue Trends und bricht mit alten Tabus. Aber: Der Weg von wolligen Ganzkörper-Anzügen über eine neue Leichtigkeit bis hin zum sexy Bikini war ein langer. Und nicht immer unumstritten. 

Bademode Anf. Jahrhundert

Die Anfänge der Badekultur – vom Nacktbaden zum Wollkleid

Bis Ende des 19. Jahrhunderts wird nur in Bade- oder Kurorten gebadet – und das vor allem in Wannenbädern, in die man sich einfach hineinlegt. Der Badekleidung kommt kaum Bedeutung zu, schwere Baumwollkleidung war noch kein Problem und Nacktbaden sogar erlaubt. Ende des 19. Jahrhunderts kommen die ersten offiziellen (Strand-)Badeanstalten in Europa auf. Wer diese allerdings besuchen will, muss blickdichte Kleider aus Wolle tragen, alles andere gilt als unsittlich, insbesondere bei Damen. Dabei baden Männer und Frauen sowieso getrennt voneinander.

 

Freizügig bis funktional: Die Moderevolution der 20er- und 30er- Jahre

Nach dem Ersten Weltkrieg bahnt sich die Aufbruchstimmung der 1920er-Jahre ihren Weg bis in die Bademode. Die Menschen sehnen sich nach Leichtigkeit. Männer wie Frauen werfen die knielangen, meist gestreiften Einteiler über Bord und verlangen nach modischen Schnitten.

Mit den 1930er-Jahren kommt die Weltwirtschaftskrise, und die Bademode passt sich an: Sie zeigt etwas mehr Haut. Schnitte werden praktischer, sind aber doch mit einem Hauch von Innovation verbunden. Die ersten zweiteiligen Badeanzüge, die Urgrossmütter der heutigen Bikinis, feiern Premiere – noch ziemlich schüchtern und züchtig zwar. Aber sie sind dennoch ein leises Versprechen: für mehr Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit. 

1935 schlägt schliesslich eine Textil-Innovation hohe Wellen: Nylon sorgt für eine marktreife Revolution. Schwere Woll- oder Baumwollstoffe haben endgültig ausgedient. Ein Siegeszug der Funktionalität für Badebekleidung beginnt.

Thermalbad Bad Ragaz
Thermalbad Bad Ragaz
Schweizerisches Nationalmuseum LM-103787.6

Skandal, Skandal! Der Bikini ist geboren

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird die Schweizer Bademode plötzlich politisch. 1942 will der Stadtrat in Zürich zweiteilige Badekleider als «nicht zulässig» deklarieren. Doch viele Frauen und auch die Textilindustrie protestieren, jede mit ihren eigenen Argumenten. Mit Erfolg – die Regelung wird fallengelassen. Auch die Männer machen sich derweilen Luft: Badehosen ziehen in die Modewelt ein, denen später Badeshorts folgen werden.

Im Sommer 1946 sorgt der französische Maschinenbauingenieur Louis Réard für einen Skandal: Er entwirft einen für den Zeitgeist viel zu knappen Zweiteiler für Damen, nennt ihn Bikini und präsentiert ihn in Paris. Zwar sind Zweiteiler bereits seit der Antike bekannt – aber Réards Version ist deutlich knapper. Fotos vom Auftritt der StiIkone Brigitte Bardot mit Bikini auf den Filmfestspielen 1953 in Cannes gehen wie ein Aufschrei um die Welt. Legendär wird auch ein Bikini-Auftritt von Ursula Andress im James-Bond-Klassiker «007 jagt Dr. No» von 1962.

Der Bikini als Symbol für Feminismus und die sexuelle Revolution? «Er ist politisch und leidenschaftlich und beschwichtigt eine Gesellschaft, die Nacktheit verbietet und dabei viel aufreizender ist», bringt es eine ehemalige Designerin von Triumph auf den Punkt. 

 

Freizügig bis funktional: Die Moderevolution der 20er- und 30er-Jahre

Technik revolutioniert die Stoffe

Die Bademode der 1960er- und 1970er-Jahre wird farbenfroh und experimentell, mit mutigen Mustern und Schnitten. Auch die Textilindustrie entwickelt sich weiter. Neue Materialien wie Lycra kommen auf den Markt. Sie macht die Stoffe noch leichter und funktionaler. Weil sie schneller trocknen, kommen sie auch den Bedürfnissen von Wassersportlerinnen und -sportlern entgegen.

1960 Liegewiese Bad Ragaz
1960 Liegewiese Bad Ragaz
100 Jahre Thermen Schweiz - Plakat 1987 Saillon Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, ZHdK
Plakat 1987 Saillon Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, ZHdK

Neon und Nachhaltigkeit

Die 80er-Mode setzt auf Neon-Farben, Metallics und hohe Beinausschnitte. Die Popkultur flammt auf. Wer etwas auf sich hält, schwimmt nicht mehr mit der Masse, sondern drückt seinen Stil und seine Individualität auch über Bademode aus. Neu übrigens nicht nur am Strand oder am Pool, sondern erstmals auch in Musikvideos und Filmen für die breite Öffentlichkeit. 

Nahtlos folgt ein grosser Gesundheits- und Fitnessboom. Die Nachfrage nach modischer, aber funktionaler Sportbademode steigt. In den 90-ern keimt zudem erstmals das Bewusstsein für Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Die Bademodenindustrie beginnt, mit umweltfreundlicheren Materialien und Produktionsmethoden zu forschen. «Trikinis» und «Tankini» halten Einzug: Sie bestehen aus einem Bikini mit zusätzlichem Band für die Taille, bzw. einem Oberteil, das einem Unterhemd gleicht.

Mode ohne Grenzen?

Seit den 2000ern bricht die Modeindustrie mit stereotypen Schönheitsidealen. Frei nach dem Motto: Jeder Körper ist ein Bikini-Körper. Labels begeistern mit neuen Stilen, darunter Bandeau-Bikinis, Tankinis oder Monokinis und experimentieren mit innovativen Materialien wie recycelten Kunststoffen. Diese tragen dazu bei, den ökologischen Fussabdruck der Bademode zu verringern.

 

 
Die Digitalisierung revolutioniert die Bademode erneut: Online-Shopping und Social Media eröffnen eine schier unendliche Auswahl und den Zugang zu globalen Marken. Auch kleinere Marken und Designer präsentieren ihre Kollektionen nun einem internationalen Publikum.


Seit vielen Jahren ist klar: Social Media verstärken ihren Einfluss auf Bademodetrends. Influencer und Modebloggerinnen definieren Stil und Ästhetik in rasant wechselndem Tempo und immer wieder neu. Es entsteht ein Dialog und der Einbezug des Publikums für neue Looks und Ideen. Eine Wechselwirkung, die heute grenzenlose Vielfalt erschafft – auch in der Bademodewelt.

2024, Girls in Bikini
2024, Girls in Bikini

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